Eine Integrationsplattform auszuwählen gehört zu den Entscheidungen, die langfristig Technik, Prozesse und Organisation prägen. Aus meiner Praxis weiß ich: Entscheidend ist nicht nur die Funktionalität, sondern wie gut die Plattform in Ihre Organisation passt — technisch, finanziell und kulturell. Im Folgenden teile ich mit Ihnen acht konkrete Fragen, die ich in Entscheidungsausschüssen nutze, sowie Praxistipps, wie Sie die Antworten bewerten können.
Warum diese Fragen wichtig sind
Oft entsteht die Diskussion über Integrationsplattformen durch technische Anforderungen oder ein konkretes Projekt. Doch ich empfehle, die Entscheidung auf eine breitere Basis zu stellen: Architekturprinzipien, Betrieb, Governance, Total Cost of Ownership (TCO) und die Fähigkeit zur Weiterentwicklung. Die folgenden Fragen sind so formuliert, dass sie technische, organisatorische und wirtschaftliche Aspekte gleichermaßen adressieren.
Die 8 Fragen für den Entscheidungsausschuss
Lesen Sie jede Frage nicht nur als Ja/Nein-Entscheidung, sondern als Ausgangspunkt für eine kurze Bewertungsskala (z. B. 1–5) und konkrete Nachverfolgungspunkte.
Welche Integrationsmuster unterstützt die Plattform nativ? — Prüfen Sie Unterstützung für API‑Management, ESB‑Funktionen, Messaging, Batch‑/ETL‑Prozesse, Ereignis‑basierte Architektur (Event Streaming). Eine Plattform, die nur einen Ansatz unterstützt, kann Ihre Flexibilität begrenzen. Ich frage gezielt nach Referenzarchitekturen und Kundenbeispielen für jedes Muster.Wie einfach ist die Anbindung unserer wichtigsten Systeme (ERP, CRM, Cloud‑SaaS, Mainframe)? — Fordern Sie Konnektoren, Adapter und Fallstudien an. Für SAP, Salesforce, Workday, aber auch proprietäre Systeme möchte ich sehen, wie viel Projektarbeit noch nötig ist. Marktführer wie MuleSoft, Dell Boomi, oder WSO2 bieten umfangreiche Konnektoren; prüfen Sie aber die Qualität, nicht nur die Existenz.Wie skaliert die Plattform — technisch und lizenzseitig? — Skalierungsmechanismen (horizontal/vertikal), Multi‑Tenant‑Fähigkeit, cloudnative Bereitstellung (Kubernetes), sowie Lizenzmodelle (Transaktionen, Knoten, Benutzer). Ich lasse mir Szenarien durchrechnen: wie verändern sich Kosten und Latenz bei 10x Laststeigerung?Wie sieht das Betriebsmodell aus und wer trägt welche Verantwortung? — Managed Service vs. Self‑Hosted: Welche SLAs bietet der Anbieter? Welche Monitoring‑ und Observability‑Funktionen sind integriert (Tracing, Metrics, Logging)? Ich erwarte klare Runbooks und Beispiele für Incident‑Management.Welche Sicherheits‑ und Governance‑Funktionen sind eingebaut? — Authentifizierung/Autorisation (OAuth2, JWT), Verschlüsselung, Audit Trails, Policy‑Enforcement, Data Masking. Governance umfasst auch API‑Kataloge und Lebenszyklusmanagement. Für regulierte Branchen ist dies oft ein Tipping Point.Wie offen und portabel ist die Plattform? — Unterstützt sie offene Standards (OpenAPI, AsyncAPI, Kafka, GraphQL) und ist sie cloud‑agnostisch? Ich möchte vermeiden, in ein proprietäres Ökosystem einzusperren. Fragen Sie nach Export‑/Importmechanismen für Artefakte und nach Migrationspfaden.Wie steht es um die Observability, Testbarkeit und CI/CD‑Integration? — Native Unterstützung für automatisierte Tests, Mocking, CI/CD‑Pipelines (GitOps) und Rollback‑Strategien sind für schnelle Releases essenziell. Praxisfrage: Wie lang dauert ein kompletter Deployment‑Cycle vom Commit bis zur produktiven Verfügbarkeit?Welche Community, Partner und Support‑Ecosysteme gibt es? — Dokumentation, Trainings, Consulting‑Partner, Marketplace für Add‑Ons. Ich prüfe Referenzen: Kunden, die ähnliche Transformationsprojekte durchgeführt haben, sowie Verfügbarkeit von lokalem Support (Zeitzone, Sprache).Wie ich die Antworten praktische bewerte
Im Ausschuss empfehle ich einen einfachen Bewertungsrahmen: für jede Frage 1–5 Punkte, plus Gewichtung nach strategischer Relevanz. Beispielgewichtung: Sicherheitsfragen 1,5x, Skalierbarkeit 1,3x, Konnektoren 1,2x. So entsteht eine transparentere, faktenbasierte Entscheidung statt eines Bauchgefühls.
Typische Fallen und wie Sie sie vermeiden
Aus der Praxis nenne ich drei wiederkehrende Probleme:
Zu starke Initialoptimierung — Viele Teams kaufen eine Plattform, die perfekt zum aktuellen Projekt passt, aber zukünftige Anforderungen nicht abdeckt. Fragen Sie also immer nach Roadmaps und Roadmap‑Abhängigkeiten.Unterschätzte Betriebsaufwände — Lizenzkosten sind nur ein Teil. Betrieb, Monitoring, Backups, Updates und Security Patches summieren sich. Ich zähle diese Kosten realistisch und beziehe den Betriebsteam‑Input früh ein.Vendor Lock‑in — Manche Lösungen sehen auf dem Papier toll aus, binden Sie dann aber an proprietäre Formate. Dort empfehle ich klare Exit‑Kriterien und die Prüfung auf Offenheit der Artefakte.Ein kleines Bewertungs‑Template (Beispiel)
| Frage | Score (1–5) | Gewichtung | Gewichteter Score | Kommentar / Nachverfolgen |
| Integrationsmuster | 4 | 1.2 | 4.8 | Gute native Unterstützung für API & Messaging, ETL nur eingeschränkt |
| Konnektoren | 3 | 1.2 | 3.6 | Adapter für SAP vorhanden, Mainframe-Anbindung unklar |
| Skalierbarkeit | 5 | 1.3 | 6.5 | Cloud‑native, Kubernetes, automatische Skalierung |
| Sicherheit & Governance | 4 | 1.5 | 6.0 | Audit und Policy vorhanden, Data Masking prüfen |
Praxisbeispiele aus Projekten
In einem Finanzprojekt haben wir zunächst eine API‑First‑Strategie verfolgt, aber das gewählte Produkt unterstützte keine native Event‑Streaming‑Integration. Die Lösung: hybride Herangehensweise mit einem spezialisierten Kafka‑Layer und der Integrationsplattform für API‑Gateways. In einem Healthcare‑Projekt war Data Governance zentral — dort entschieden wir uns für eine Plattform mit starken Policy‑Engine‑Funktionen, obwohl die Lizenzkosten etwas höher lagen. Beide Entscheidungen waren bewusst und basierten auf der Gewichtung der Fragen oben.
Checkliste für den Ausschuss‑Workshop
Führen Sie eine Live‑Demo mit Ihren wichtigsten Use‑Cases durch (nicht nur Vendor‑Demo).Bitten Sie um ein Proof of Concept (PoC) mit echten Daten und Lastprofilen.Involvieren Sie Betrieb, Security, Architektur und Fachbereiche gleichwertig.Definieren Sie Exit‑Kriterien und Migrationsstrategien.Prüfen Sie Total Cost of Ownership über 3–5 Jahre, inklusive Betrieb und Training.Wenn Sie möchten, unterstütze ich gern bei der Moderation eines solchen Ausschuss‑Workshops oder bei der Auswertung der PoC‑Ergebnisse. Eine wohlüberlegte Auswahl der Integrationsplattform zahlt sich vielfach aus — technisch, organisatorisch und wirtschaftlich.